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Ein Logo für Existenzanalyse



(Artikel aus der Beilage der EXISTENZANALYSE 1/2005)

 

In unserer Zeitschrift über „Logo“ zu schreiben und nicht „Logotherapie“ zu meinen ist sonderbar. Aus Anlaß des 20-jährigen Bestehens unseres Vereins soll „Logo“ einmal als Symbol unseres Vereins im Mittelpunkt stehen. – Was ist in diesem Zeichen verschlüsselt, was „sagt“ das Bild, das uns inzwischen schon sehr vertraut ist? Was hat dieses „Markenzeichen“ mit Existenzanalyse zu tun?

 

Das 20-jährige Bestehen unseres Vereins ist ein geeigneter Anlaß, unser graphisches „Aushängeschild“ einmal zu reflektieren. Als „wortloser Begriff“ repräsentiert es die Existenzanalyse. Ich möchte gerne die Ideen weitergeben, nach denen die Wiener Graphikerin Christa Mayer 1998 das Bild entworfen und das Layout künstlerisch gestaltet hat. Die Beschäftigung mit dem Symbol bei so einem Anlaß soll auch selbst wieder symbolisch sein: als ein Blumenstrauß zum Geburtstag der GLE!

 

Der Zugang

Fällt der Blick auf das Zeichen, wird er sogleich in seine Mitte gezogen. Kaum dort eingetroffen, entsteht ein Zögern: wohin soll es nun gehen? Unvermutet stehen wir vor einer Entscheidung, und Orientierung tut not. „Wo bin ich da hingeraten?“ fragt sich der eine. Eine Ahnung von Gefangensein mag den anderen befallen. Geborgenheit und Ruhe empfindet vielleicht ein dritter. Jeder spürt an dieser Stelle, daß es jetzt noch kein Verbleiben gibt. Zu viel Spannung ist da, zu viel Unentdecktes. Will man doch auch die anderen Gebiete des Bildes „begehen“. Neugier und Interesse wird wach. Würde man verharren, man fühlte sich gefangen, ein-gefangen. – Aber eine eindeutige Richtung gibt das Bild nicht vor: soll man der Linie nach außen folgen? Oder soll man versuchen, sich in der Mitte zu konzentrieren? Soll man sich von der Spirale befreien und das Feld des Dreiecks abtasten?

Gerade erst eingetroffen finden wir uns unvermittelt vor eine Gegensätzlichkeit gestellt, stehen in der Polarität von Statik und Dynamik. Wir empfinden den Schwung der Linie, daneben aber stoßen wir auf die Starre des Dreiecks. Die Linie läßt uns Kraft und Bewegung fühlen. Diese Empfindung wird unterstrichen durch den lichten Ton und ihre gelbe Farbe. Dagegen hält im starken Kontrast dazu das Grau des Dreiecks, das Verharren der Fläche, die Gleichförmigkeit der Ebene. Da hebt sich helles Gelb im Schwung vom grauen Hintergrund ab, Buntes von Farblosem, Licht vom Dunkel. Es erinnert an beschwingte Tage, an Zeiten, wo es leicht ist zu leben. Tage, die im Gegensatz stehen zum Grau des Alltags, zur Eintönigkeit und Monotonie, zum Schweren und Erdrückenden der Existenz. Als Therapeuten fällt uns vielleicht auch der Gegensatz zwischen Hysterie und Depression ein. Ist da nicht dasselbe Verhältnis wie Freude zu Leid, Feier zu Alltag, Wochenende zu Arbeitswoche, oder noch weiter gefaßt: wie Leben zu Tod? – So mögen die Gedanken vielleicht gehen, weil uns die Gegensätzlichkeit nicht fremd ist, weil wir sie wiedererkennen in den Bildern des Lebens, wenn sie übereinanderkopiert, verdichtet, zur Ganzheit vereint sind.

 

Die Aussage

Im Hintergrund das Dreieck – das Schattenbild einer Pyramide, des Inbegriffs des Ewigen, Überdauernden, Geschaffenen, das zum Monument geworden ist. Hier steht ein Block, der jeder Bewegung trotzt, der sich von der Vergänglichkeit und der Zeit absetzt, sich gegen sie stemmt. Seine Festigkeit lädt zur Ruhe ein, zum Verweilen, gibt Sicherheit. Wie eine Burg steht er markant im Raum, und wie jede Burg birgt er ein Geheimnis – schweigend, in stiller Unzugänglichkeit, gleichförmig, verschlossen. Er bietet Schutz, eröffnet Raum, gibt Halt. Eine veritable Grundlage des Seins.

Auf dem Dreieck die Linie. Sie steht im Licht, ist von oben bestrahlt. Sie hat Substanz, ist nicht reine Bewegung, sondern Realität, hat ihren Schatten. Der fällt nach unten auf das Sein. Es ist keine Bewegung irgendwo im leeren Raum, sondern in nahem Bezug zum unumstößlichen Dasein. Sie steht zu ihm wie ein Relief zum Hintergrund, wie ein Profil, das sich aus ihm erhebt. Folgt man der Linie, formiert sie sich allmählich zum Weg, bildet eine Straße. Dreimal überschreitet die Linie den eigenen Schatten, wechselt die Seite, sieht sich von gegenüber. – So des Weges gehend, mal von innen nach außen, dann wieder von außen nach innen, entsteht ein Pendeln, ein leises Schwingen. Man dreht sich im Kreise und bleibt doch nicht an der Stelle. In immer engeren Bögen beginnt sich die Bewegung zu zentrieren und zieht in eine Mitte. Angekommen am Punkt der größten Verdichtung ihrer Innenbewegung sind wir zugleich im Herzen des Dreiecks angelangt. In der Dynamik der Bewegung liegt auch der Zugang zum Geheimnis des Dreiecks, das in seiner Konstanz, in Dauer und Festigkeit enthalten ist.

Doch ist der Impuls zur Gegenbewegung in der Linie ebenso gegeben. Es gibt kein Bleiben, nur ein wenig Verweilen; keine Ruhe, kein Angekommensein. Man ist nie beschlossen in einer solchen Bewegung, ist immer unterwegs, ist stets auf dem Weg. Zurück geht es! Denn das ganz andere hat auch seine Gültigkeit, hat sein Recht, hat seinen Reichtum. Dieser Weg führt hinaus, geht in die Freiheit, in den Austausch, strebt zum anderen. Einladend, führend, vielleicht begleitet mit aufkommender Unruhe, die sich gegen die Behaglichkeit zu wohliger Innerlichkeit stellt, führt der Weg in sich weitenden Zyklen aus der Umgrenzung des Festen und Beharrlichen hinaus. Dort, im Außen angekommen, lassen wir sie zurück, die Begrenzung, die dichte Enge, empfinden Erleichterung, Freiheit, Abwechslung. Wir finden zur Offenheit, werden bereit für Begegnung, erleben Interesse am Neuen, für das Andere, wagen das Fremde. Auch hier liegt ein Geheimnis, im Außen ebenso wie im Inneren. Auch hier ist eine Unmittelbarkeit zu erfahren. Diese Unmittelbarkeit liegt in dem, was wir nicht selber sind. Dem anderen erschlossen zu sein gibt uns uns zurück, ist wie Luft, belebt, erneuert. Hier können wir atmen, können aufnehmen und können das Eigene geben.

So erleichternd die Weitung aus der inneren Verschlossenheit auch ist, so birgt sie doch eine Gefahr. So aus sich herausgegangen steht man nicht mehr im Festen, hängt über einem Abgrund, steht vor einer Weite, die uns nicht immer antwortet, uns nicht immer begegnet. Sie macht, daß wir uns verloren erleben können im Dasein. – Wo gibt es da noch Halt? Diffundiert hier nicht das Eigene, verströmt nicht das Verdichtete, verliert sich nicht der Kern?

Es ist dieselbe Straße, die uns hierher gebracht hat, die uns vor dem Verlust in der unendlichen Weite des Abgrunds bewahrt, denn sie ist auch die Straße, die nach innen führt. Ist der Weg nach innen nicht verbaut und bleibt diese Offenheit in die Gegenrichtung, dann bleiben wir innerlich angebunden, dann besteht Verankerung im Gegenpol. So wird die Bewegung zum rhythmischen Schwingen, zu einer Schaukelbewegung zwischen innen und außen. Mit der Öffnung nach außen und der Verankerung im Innen entsteht ein Bild für das Wechselspiel des personalen Dialogs.

 

Das Ergebnis

Ohne dieser zentrierenden und weitenden Bewegung hätten wir keinen Zugang zur Mitte, noch zur Weite und zum anderen. Wie käme man in die Grundlage des Seins? Fühlte man sich ohne die Bewegung nicht abgewiesen von den Grenzen? Würde man nicht erstarren in der Statik dieser eintönigen Fläche, hätten wir die Bewegung nicht? In dieser Gegensätzlichkeit, ja vielleicht sogar trotz und wegen ihrer Unvereinbarkeit, symbolisiert das Dreieck die Basis für Bewegung und Veränderung. Auf ihr kann sich die Dynamik entfalten, die ohne diese feste Grundlage und ohne ihre Beschränkung nirgends wäre, nicht anfangen könnte, in der Luft hinge und daher nichts bewirken würde. In diesem Zusammenspiel und Ineinander von Unterschiedlichkeit liegt die Spannung des Bildes – in ihr liegt das, was wir in Analogie als ‚Schlüssel zur Existenz’ bezeichnen.

Nun also wird die kreisende innen-außen Bewegung zu einem Bild für Existenz. Die Linie formiert sich zu einem Gebilde, das außen und innen atmend-schwingend verbindet. Unversehens stehen wir vor dem Anfangsbuchstaben von „existieren“. Denn existieren bedeutet, einen Zugang zum ganz Persönlichen ebenso wie Offenheit zum anderen, ist unablässige Wegbereitung einer solchen Verbundenheit, die der Mensch in seinen personalen Akten immer wieder schafft. Getragen und gehalten, geführt und begrenzt wird die Bewegung der Existenz von den Eckpfeilern eines Dreiecks. In der Existenzanalyse kennen wir das Dreieck als Symbol für die Person, als Zeichen für die personalen Grundfunktionen Eindruck – Stellungnahme – Ausdruck. Diese Funktionen spannen den Rahmen auf für ein dialogisches Existieren, das sich von sich selbst und allen Vorgaben abhebt, „ex“-sistiert. Es bildet das Relief unseres Lebens, zeichnet die Spuren unseres Daseins. Die Grenze des Ichs wird auf dem Weg zum anderen und auf dem Weg zu sich selbst jeweils durchbrochen, die Enge des in sich Seins überwunden. Symbolisch verläßt die Linie die Vorgabe, läßt sie „selbst-transzendent“ zurück, geht über sie hinaus.

So steht das Zeichen als Symbol für die wesenhafte Struktur des Menschseins: in dieser Welt zu sein, ein Dasein im dialogischen Austausch mit dem anderen zu führen. Im Wechselspiel mit Umwelt und Mitwelt einerseits und mit der Eigenwelt andererseits, beide unablässig atmend und im Dialog verbindend, realisiert sich das Wesen unseres Daseins. Um sich dabei zentrieren zu können, braucht es Statik und Dynamik zugleich: eine Statik, die hält, und eine Dynamik, die sie durchbricht. Um in die Welt zu gehen, braucht die Dynamik die Statik der Persönlichkeit und der Festigkeit personaler Eckkompetenzen. So faltet die Fähigkeit zur Existenz das Ich auf zum „Selbst“. Das Eigene und das Andere findet zusammen, identifiziert sich gegenseitig. Es findet sich, weil es letztlich zusammengehört. Und doch wird es nie zum „selben“, bleibt immer getrennt. Darum entsteht in diesem Prozeß nicht Verschmelzung, sondern mündet in Partnerschaft und Begegnung, im Wechselspiel zwischen Frage und Antwort, zwischen Aufnahme und Aussage, das Außen ins Innere nehmend, das Innen im Außen verwirklichend. „Wo keine Teilnahme ist, ist keine Wirklichkeit“ (M. Buber). Wo das Ich in etwas Größerem aufgeht und für anderes da ist, erhält unser Dasein Sinn. Wenn aber kein Selbst durch das andere begründet wird, dann bleibt das Ich unentfaltet im Schatten seiner Möglichkeiten. So stellt das Logo der GLE eine Verdichtung unseres Menschenbildes und unserer Arbeit dar. Zugang zu schaffen, zu Öffnung und Zentrierung verhelfen, den Dialog fördern, die Selbstbildung stärken, das eigene Relief im Dasein bilden, seine Fähigkeiten ins Licht bringen, seine Persönlichkeit übersteigen und noch mehr Person sein – das ist das Motto existenzanalytischer Vorgangsweise. So stellt unser Logo ein Bild dar für die existentielle Dynamik, verbunden mit der Hoffnung und Offenheit für eine glückende, erfüllende Existenz im atmenden Austausch zwischen innen und außen, zwischen dem Ich und dem Du.

Alfried Längle

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